Zeitgenössischer geht es nicht!
Ganz der mäzenatischen Tradition eines Fördervereins folgend, hat sich der PIN.YC zum Ziel gesetzt, die Finanzierung von Ankäufen junger zeitgenössischer KünstlerInnen sicherzustellen. Einmal im Jahr kaufen wir der Auswahl der KuratorInnen folgend eine Arbeit für eines der vier Museen unter dem Dach der Pinakothek der Moderne an. Damit unterstützen wir die Häuser darin, Gegenwartskunst zu sammeln, auszustellen und für folgende Generationen zu bewahren.

Unsere KünstlerInnen: Anne Imhof, ICAROS Pro system for Gear VR, Laure Prouvost, Inga Kerber, Florian Auer, Natalie Czech, Kathrin Sonntag, Franka Kaßner

Anne Imhof

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Alle Abbildungen: © Anne Imhof

Anne Imhof, Ohne Titel, 2017 (Erworben 2018)
Bleistift auf Papier, 42 x 29,7 cm
© Anne Imhof

Anne Imhof, Ohne Titel, 2017 (Erworben 2018)
Bleistift auf Papier, 35,6 x 27,7 cm
© Anne Imhof

Anne Imhof, Ohne Titel, 2017 (Erworben 2018)
Bleistift auf Papier, 35,6 x 27,7 cm
© Anne Imhof

Anne Imhof, Ohne Titel, 2017 (Erworben 2018)
Bleistift auf Papier, 35,6 x 27,7 cm
© Anne Imhof

Anne Imhof, Ohne Titel, 2017 (Erworben 2018)
Bleistift auf Papier, 35,6 x 27,7 cm
© Anne Imhof

ICAROS Pro system for Gear VR

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Der ICAROS Pro ist ein Fitnessgerät, mit dem man durch virtuelle Welten fliegen oder schweben kann – wie die mythologische Gestalt des Ikarus, der für Idee und Namensgebung Pate stand.

Physische Realität – das bedeutet hier körperliche Bewegung – wird mit einer virtuellen Realität, wie zum Beispiel dem Simulieren eines freien Flugs über eine imaginäre Berglandschaft, auf eine neuartige Weise verschränkt. Das Bewusstsein des Nutzers kann durch die körperliche Interaktion in Verbindung mit den illusorischen Stimuli so weit in den Hintergrund treten, dass die virtuelle Umgebung als nahezu real empfunden wird.
Aufgebaut wie ein überdimensioniertes Gyroskop ermöglicht das Gerät Bewegungen entlang zweier Drehachsen. Der Nutzer muss, gestützt auf Unterarme und Unterschenkel, permanent die Körperspannung aufrechterhalten, um mit zielgerichteten Gewichtsverlagerungen durch die virtuellen Welten steuern zu können. Ein am Handgriff angebrachter Controller mit verschiedenen Sensoren erfasst alle Bewegungen und überträgt diese per Bluetooth-Technologie auf eine mit einem Smartphone bestückte Virtual Reality Brille. Elektronische und mechanische Komponenten sind strikt getrennt, so dass ein problemloser Austausch der Elektronik ermöglicht wird. Das Gerät selbst funktioniert rein mechanisch – Bewegung erfolgt lediglich durch Gewichtsverlagerung. Der menschliche Körper wird damit zum Steuergerät.
Der ICAROS besticht nicht nur durch die innovative Verbindung von virtueller Realität mit physischer Bewegung, um die menschliche Fitness zu erhöhen, sondern auch durch die überzeugende gestalterische Umsetzung dieser Idee.

Text: Josef Straßer, Oberkonservator Die Neue Sammlung

Webseite

ICAROS GmbH (Hersteller)
Icaros Pro Virtual Reality Fitnessgerät, Entwurf: 2011/15 (Erworben 2017)
Metall, weiß bzw. schwarz lackiert, Kunststoff
96 cm (H) x 162,5/193 cm (L) x 95,2 cm (B)
Gewicht:124 Kg
Inv.-Nr. 838/2017-1 L

Laure Prouvost
Stong Sory Vegetables

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  • 1978 in Croix, Frankreich, lebt und arbeitet in London, England

Laure Prouvost betreibt eine besondere Form der Wirklichkeitserforschung, paradoxerweise unter Einsatz von fiktionalen Elementen. Ihre Arbeiten, für die Prouvost nicht selten mehrere Medien – von Malerei und Zeichnung über Video und Performance bis hin zur Skulptur – kombiniert, lassen eine originelle Vorstellungswelt entstehen, die das Publikum auf unterschiedlichen Sinnesebenen in Bann zieht. Die Installationen nehmen zumeist ein konkretes Erlebnis zum Ausgangspunkt, das humorvoll weiterverfolgt wird, um sich schließlich in einem völlig anderen Zusammenhang zu verlieren oder wiederzufinden – je nach Standpunkt. 2013 wurde Laure Prouvost für ihre bisweilen bizarre Realitätsbearbeitung mit dem „Turner Prize“ ausgezeichnet.

Auch die vom PIN. Young Circle erworbene Installation „Stong Sory Vegetables“ ist ein mediales Hybrid: Das Werk besteht aus einem Video, das auf einem Monitor zu sehen ist, sowie einem davor aufgestellten Sockel, auf dem wiederum ein Frucht- und Gemüse-Arrangement platziert ist. Im Video erzählt eine Frau in nicht perfektem Englisch mit französischem Akzent eine Geschichte, die im Verlauf immer fantastischer wirkt und Fragen zur mentalen Verfassung der Protagonistin aufwirft. Es bleibt den Betrachtern überlassen, der Erzählung Glauben zu schenken oder ihr mit großzügigem Humor zu folgen. Die Arbeit ergänzt auf besondere Weise die bereits bestehende Medienkunst-Sammlung, die mit Werken von Francis Alys, Rineke Dijkstra, Duncan Campbell oder Artur Zmijewski ein Spektrum dokumentaristischer Strategien aufweist.

Text: Bernhart Schwenk, Hauptkonservator für Gegenwartskunst an der Pinakothek der Moderne

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Laure Prouvost
Stong Sory Vegetables, 2010 (Erworben 2016)
Video, Zwiebel, Zitrone, Karotte, Tomate
3.21 min
Courtesy Laure Prouvost

Inga Kerber
(Cliché of a Flower Bouquet)

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  • 1982 in Berlin, lebt und arbeitet in Leipzig

„Eine Dreier-Konstellation ist grundsätzlich immer stabiler und sagt mehr aus als ein einzelnes Bild. Denn ein Moment, ein Bild, eine Reproduktionsweise hinterfragt die nächste.“

Die Sammlung Fotografie bemüht sich seit ihrem Bestehen nicht nur darum, vorhandene Sammlungsbestände zu komplettieren und konzeptuelle Schwerpunkte kontinuierlich auszubauen und zu konturieren, sondern auch bis in die unmittelbarer Gegenwart hinein zu sammeln. Dabei wird sie seit 2012 auch vom PIN. Young Circle unterstützt. Ein wichtiges Entscheidungskriterium bei der Auswahl erst jüngst entstandener Werke sind künstlerische Positionen, die an Themen der Sammlung anknüpfen und diese neu interpretieren. Der Begriff des entscheidenden Augenblicks hat vor allem durch Cartier-Bressons stilprägende Monographie aus dem Jahr 1952 lange die Vorstellung des Fotografischen geprägt. Der Begriff, den das Werk der 1982 in Leipzig geborenen und dort an der renommierten Hochschule für Graphik und Buchkunst zur Fotografin ausgebildeten Künstlerin Inga Kerber umschreibt, ist hingegen der des Klischees. Kerber bewegt sich in den klassischen kunsthistorischen Genres, sie bearbeitet die Themen Landschaft, Porträt, Stillleben und Genre, und jedes ihrer immer mehrteiligen Werke trägt im Titel das Wort cliché. Cliché hat dabei mehrere Bedeutungen, die alle für das Verständnis von Kerbers Intentionen wichtig sind. Cliché ist sowohl ein terminus technicus aus dem Bereich der Drucktechnik, der eine Druckform bezeichnet, aus dem Französischen übersetzt bedeutet er „ein Foto machen“ und beschreibt zugleich das fotografische Negativ. Umgangssprachlich steht er ferner für eine stereotype, sich selbst bereits überholte Vorstellung von etwas. All diese Konnotationen fließen in Kerbers Bildentwürfe ein, die mit subtilen Mitteln sowohl die tradierte Vorstellung des einen entscheidenden Augenblicks wie die des Klischees unterlaufen. In einem mehrfachen Prozess des Aufnehmens und Reproduzierens, dessen materielle Spuren sich in die Bilder einschreiben und der analoge wie digitale Komponenten verbindet, fordert sie Sehen und Erkennen heraus.

Text: Inka Graeve Ingelmann, Hauptkonservatorin für Fotografie und Neue Medien an der Pinakothek der Moderne

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Inga Kerber
Pigmentdruck, 107 x 75 cm, 2016 ( Cliché of a Flower Bouquet ) LIX (Erworben 2015)
Pigmentdruck, 107 x 75,5 cm, 2016 ( Cliché of a Flower Bouquet ) LIX (Erworben 2015)
Pigmentdruck, 107 x 75 cm, 2016 ( Cliché of a Flower Bouquet ) LIX (Erworben 2015)
© Inga Kerber

Florian Auer
Relieved Motion

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geboren 1984 in Augsburg lebt und arbeitet in Berlin

“I would say that the sculptures I create somehow walk away from you and you never see everything. But it creates something in your head and what you’ve seen is your decision. When you have to describe it, then it becomes interesting. It is about what you see when you are away from the sculpture, what is the image that becomes alive in your head.”

Digitale Technologien verfremden unsere als real empfundene Welt in zunehmendem Maße, und zwischen haptisch erfahrbaren Objekten und ihrer Erscheinung im Bild entsteht eine immer größere Differenz. Auch wenn die mediale Übertragung noch immer auf Reales verweist, generiert sie doch gleichzeitig eine eigene, gleichsam hyperreale Wirklichkeit. Dieses verfremdete Verhältnis von physischer Welt und ihrer digitalen Übersetzung nimmt Florian Auer zum Ausgangspunkt seiner malerischen und skulpturalen Strategien, um das bildnerische Potenzial einer post-industriellen Ästhetik zu untersuchen.

Durch Nachahmung und Übersteigerung entstehen Arbeiten, die zwischen Zwei- und Dreidimensionalität changieren: Flächig-Zeichenhaftes erhält illusionistische Tiefe, Räumliches wird grafisch nivelliert. Auers Reliefs und Skulpturen verwandeln sich in verheißungsvolle Objekte mit unnahbarer Aura. Der Künstler bedient sich dabei Strategien der Werbung und Mechanismen der zeitgenössischen Konsumkultur und nimmt Bezug auf eine fetischisierte Warenwelt. Das Motiv des Steaks auf „black board p01“ etwa verdankt sich einem geradezu archaisch zu nennenden Ritual im Finanzmilieu, bei dem ein erfolgreicher Deal mit dem gemeinsamen Verzehr eines Stücks Fleischs symbolisch besiegelt wird. Virtualität kombiniert sich hier mit unmittelbar sinnlichem Genuss, als müsse eine letztlich nicht greifbare Situation durch eine Geste des Physischen authentifiziert werden. „Relieved motion“ hingegen, ein aus dem Sportfernsehen stammender, in den Realraum „zurückgeholter“ Oberkörper eines Spitzensportlers, erinnert an ein wertvolles archäologisches Fundstück und macht die Transformation des Körpers in ein kostbares Gut der Werbeindustrie spürbar.

Bernhart Schwenk
Hauptkonservator für Gegenwartskunst
an der Pinakothek der Moderne

Text: Bernhart Schwenk, Hauptkonservator für Gegenwartskunst an der Pinakothek der Moderne

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Florian Auer
Not Yet Titled (black board p01), 2013 (Erworben 2014)
Digitaldruck auf Stoff, Fiberglas, Kunstharz
73 × 65 × 15 cm
© Florian Auer / Courtesy Kraupa-Tuskany Zeidler, Berlin
Foto: Lewis Ronald

Florian Auer
Not Yet Titled (relieved motion), 2014 (Erworben 2014)
Druck auf Holz, Neon, Filz, Airbrush, Kreide, Transformer
137 × 100 × 13 cm
© Florian Auer / Courtesy Kraupa-Tuskany Zeidler, Berlin
Foto: Hans-Georg Gaul

Natalie Czech
A poem by repetition

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*1976 in Neuss, lebt und arbeitet in Berlin

“My works propose different spaces and different entry levels, and allow various forms of perception and interaction. By this, I mean a space in between, which is difficult to define, one that touches a simultaneous reading and seeing in pieces or fragments and allows space for different associations. Since I see no hierarchy between the poem, the surrounding text, and the picture, I am rather interested in the similarities in their creative processes and in activating the boundaries of their respective mediums.”

Die drei fotografischen Wandarbeiten von Natalie Czech (*1976) führen Poesie und Fotografie, literarische und bildnerische Praxis gleichberechtigt zusammen. Ausgangspunkt ist jeweils ein Objekt mit Beschriftung: das Cover einer Schallplatte von Pink Floyd („MONEY“), die Innenhülle einer Platte der Ramones und ein Gerät, das bei der Musikproduktion zur Klangverzerrung eingesetzt wird („AMERICAN WOMAN“). Auf allen drei Objekten macht die Künstlerin in den darauf befindlichen Beschriftungen minimalistische Gedichte von Robert Creeley, Aram Saroyan und Emmett Williams sichtbar, indem sie die einzelnen Worte dieser Gedichte durch Markierungen hervorhebt. Hierzu wird das Objekt mehrfach fotografiert und in gerahmter Form, teilweise in Ausschnitten, neu arrangiert. Auf diese Weise transponiert die Künstlerin die Gedichte ins Medium der Fotografie und gibt dem Betrachter (und Leser zugleich) die Möglichkeit, Objekt, Bild und Text neu zu erfahren.

Alle drei Arbeiten entstammen der Werkserie „Poems by Repetition“. Der Werktitel geht auf Gertrude Steins Theaterstück „Saints and Singing“ (1922) zurück, eine Reflexion über die Wiederholung als rhetorisches Stilmittel, insbesondere dynamische und rhythmisierende Formen des Erzählens. Repetitive Textkonstruktionen korrespondieren für Natalie Czech mit Klangelementen wie Takt, Rhythmus, Refrain, Echo oder Stottern – und werden mittels Variation und Doppelung ins Bild gesetzt.

Natalie Czech studierte an der Kunstakademie Düsseldorf. Sie hatte Einzelausstellungen in den Kunstvereinen Langenhagen (2011), Wiesbaden (2012), Braunschweig und Hamburg (2013) und nahm an Gruppenausstellungen u. a. im Kunsthaus Bregenz (2011), im Sprengel Museum, Hannover („Made in Germany II“, 2012) und in der Kunsthalle Fribourg, Schweiz (2013) teil.

Text: Bernhart Schwenk, Hauptkonservator für Gegenwartskunst an der Pinakothek der Moderne

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Natalie Czech
A poem by repetition by Robert Creeley #2, 2013 (Erworben 2013)
aus der Serie Poems by Repetition, 2 C-Prints, 2 Rahmen, Museumsglas
je 70,5 × 72,8 cm
Auflage: 1/5
© Natalie Czech / VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Natalie Czech
A poem by repetition by Aram Saroyan, 2013 (Erworben 2013)
aus der Serie Poems by Repetition, 3 C-Prints, 3 Rahmen, Museumsglas
64,4 × 65 cm (Teil 1), 15,7 × 65 cm (Teil 2), 18,5 × 65 cm (Teil 3), 98,6 × 65 cm (Gesamtmaß)
Auflage: AP 1/5
© Natalie Czech / VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Natalie Czech
A poem by repetition by Emmett Williams, 2013 (Erworben 2013)
aus der Serie Poems by Repetition, 3 C-Prints, 3 Rahmen, Museumsglas
39 × 45,9 cm (Teil 1), 3,7 × 45,9 cm (Teil 2), 16 × 45,9 cm (Teil 3), 58,7 × 45,9 cm (Gesamtmaß)
Auflage: AP 2/5
© Natalie Czech / VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Kathrin Sonntag
Blame it on Morandi

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  • 1981 in Berlin, lebt und arbeitet in Berlin

„Ich spiele in meiner Arbeit oft mit alltäglichen Szenarios, in denen subtile Verschiebungen dann für Verwirrung sorgen. Für mich macht es Sinn vom Vertrauten auszugehen, weil mich Momente interessieren, in denen man visuell ins Stolpern gerät und die eigene gewohnheitsmäßige Wahrnehmung zu überprüfen beginnt. In diesem Moment der Verzögerung liegt für mich das Potential etwas, das man schon tausendmal gesehen hat, auf neue, ungewohnte Weise zu betrachten.“

Die 1981 in Berlin geborene Künstlerin Kathrin Sonntag richtet in ihren Arbeiten den Blick auf die Dinge und ihr erzählerisches Potential. Ihre im Installationszusammenhang präsentierten Fotografien machen die Bedingungen des Sehens und Wahrnehmens zum eigentlichen Thema. Die Diaprojektion „Blame it on Morandi“, die der PIN. Young Circle für die Sammlung Moderne Kunst erworben hat, macht dies auf besondere Weise deutlich. Sie zeigt Aufnahmen aus dem Atelier der Künstlerin. Bild für Bild gleitet der Blick von links nach rechts über den Arbeitstisch von Kathrin Sonntag, über eine Ansammlung sorgsam arrangierter Objekte, die auf die Tradition des Stilllebens verweist. Assoziationen mit Motiven des im Titel der Arbeit zitierten Malers Giorgio Morandi scheinen auf. Andere Details suggerieren, dass das, was man erkannt zu haben glaubt, auch ganz anders zu verstehen sein könnte – ein dunkler Fleck auf dem Boden zu Beispiel, ein angebissener Apfel oder ein umgestoßenes Glas. Durch feine Verschiebungen entfalten alltägliche Situationen eine geheimnisvolle Magie, regen zu einer fast detektivischen Spurensuche an, die der von Sonntag selbst komponierte Soundtrack augenzwinkernd aufgreift. Das beziehungsreiche Rätselspiel, das die Wahrnehmung der Betrachter zunächst irritiert und im Verlauf der Arbeit schärft, ist eine Gratwanderung zwischen Wirklichkeit und Illusion, die ihren Höhepunkt erreicht, wenn das Ende der Dia-Serie und ihr erneuter Anfang in einer raffinierten Schleife zusammengeführt werden.

Text: Bernhart Schwenk, Hauptkonservator für Gegenwartskunst an der Pinakothek der Moderne

Kathrin Sonntag
Blame it on Morandi, 2011 (Erworben 2012)
Diainstallation, 3 × 27 Farbdiapositive, Projektion im Loop mit Ton
Auflage: 2/3
© Kathrin Sonntag

Franka Kaßner
Was bleibt

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  • 1976 in Oschatz, lebt und arbeitet in Leipzig und München

Nach einer Ausbildung zur Holzbildhauerin in Berchtesgaden, schloss Franka Kaßner 2006 ihr Studium an der Akademie der Bildenden Künste München als Meisterschülerin von Olaf Metzel ab.

In der Tiefe einer schrankartigen Box aus grün eingefärbten Spanplatten erscheint eine lebensgroß projizierte, frontal stehende Figur, deren niedrig aufgelöstes Filmbild sie fast abstrakt wirken lässt. Die Person trägt ein dunkles Gewand mit langen weißen Manschetten, das an Kleidung aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts oder an eine Uniform erinnert. Nach kurzem Glockengeläut beginnt die Figur leise, aber eindringlich das sentimentale Lied vom „Kleinen Trompeter“ vorzutragen – ein beliebtes Kinderlied in der DDR, wo Franka Kaßner aufwuchs. Bei dem besungenen Trompeter handelt es sich um einen Bürstenbinder, Hornist im Spielmannszug des Roten Frontkämpferbunds und jungen Familienvater namens Fritz Weineck, der 1925 während einer kommunistischen Kundgebung in Halle von der Polizei erschossen wurde und damit – angeblich – ein Attentat auf Ernst Thälmann verhindert hatte. Während der Wahrheitsgehalt dieser Begebenheit bis heute unklar ist, wurde Weineck unmittelbar danach zum Märtyrer stilisiert. Die Melodie eines Soldatenlieds wurde mit einem neuen Text versehen und erlangte in den folgenden Jahrzehnten ungeahnte Popularität. Es wurde zunächst von der KPD eingesetzt und später mehrfach umgedichtet, u.a. auch von den Nationalsozialisten. Franka Kaßners Arbeit transportiert die historische Mehrdeutigkeit und macht den Einfluss staatlicher Erziehungsrituale sowie die Manipulation durch die emotionale Wirkung von Musik unmittelbar spürbar. Was bleibt, ist ein diffuses Gefühl der Ohnmacht.

Text: Bernhart Schwenk, Hauptkonservator für Gegenwartskunst an der Pinakothek der Moderne

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Franka Kaßner
Was bleibt, 2005 (Erworben 2011)
1-Kanal Videoinstallation (inkl. Box), Farbe, Ton
3.27 min.
Auflage: 1/3 + 2 AP
© Franka Kaßner / VG Bild-Kunst, Bonn 2018
Foto: Bayerische Staatsgemäldesammlungen, München

Franka Kaßner
Was bleibt, 2005 (Erworben 2011)
1-Kanal Videoinstallation (inkl. Box), Farbe, Ton
3.27 min.
Auflage: 1/3 + 2 AP
© Franka Kaßner / VG Bild-Kunst, Bonn 2018
Foto: Bayerische Staatsgemäldesammlungen, München